Buchbesprechungen aus Zeitungen, Magazinen ...

Auch Punks haben Liebeskummer Ein Buch über den weichen Kern harter Jungs / / 15.11.2002
Danny ist Schlagzeuger einer Punkband, und in zwei Wochen steht der erste gemeinsame Auftritt an. Doch da taucht sein bester Freund Vinnie bei den Proben plötzlich mit Dannys Schwarm Clarissa auf. Vinnie hat sich in der letzten Zeit sehr zum Negativen verändert, und Danny muss sich fragen, wie viel eine Freundschaft eigentlich dulden muss ...
Danny und Vinnie sind die besten Freunde, zumindest waren sie es. Schließlich war es Danny, der Vinnie mit in die Band gebracht hat, doch in der letzten Zeit scheint mit dem Freund irgendetwas nicht zu stimmen. Die Jungs sind Punks, spielen Songs mit provokativen Texten, doch Vinnie scheint das alles nichts mehr zu bedeuten.
Er kommt immer zu spät zu den Proben, gibt sich seit neuesten mit Glatzköpfen ab, baut sich eine neue Identität auf, mit der sein Freund Danny gar nichts anfangen kann.
Dazu kommt, dass Vinnie plötzlich mit Dannys Schwarm auftaucht. Danny sitzt in der Zwickmühle. Zum einen sieht er, wie Vinnie Clarissa immer wieder wehtut, zum anderen ist Vinnie immer noch sein Freund, oder etwa nicht? Und dem spannt man die Freundin nicht aus.
Als Vinnie dann am Abend des Konzertes mit kahl rasiertem Schädel und wieder einmal viel zu spät auftaucht, kocht die Band vor Wut, und auch Danny muss sich beherrschen, um nicht die Kontrolle zu verlieren. Doch obwohl der Auftritt doch noch gerettet werden kann, muss Danny feststellen, dass Vinnie nicht mehr der Freund ist, den er immer noch in ihm sieht.
Das Buch zeigt zwar etwas durch die Blume, aber dennoch deutlich, was Freundschaft ist, aushält und akzeptieren kann. Für Danny ist klar: Vinnie ist sein Freund. Er kennt ihn von klein auf. Und auch als sich der beste Freund immer mehr verändert und in die rechte Szene abrutscht, versucht Danny immer noch die Freundschaft aufrechtzuerhalten. Erst durch Clarissa und unzählige Beleidigungen, die sie und er hinnehmen müssen, erkennt er, dass Freundschaft keine einseitige Sache sein kann und verabschiedet sich von dem Wunschdenken, dass alles in Ordnung ist. Harte Jungs, die doch nicht so hart sind, echte und falsche Freunde und eine Liebe, die am Ende doch noch ihren Weg findet. Teilweise sentimental, aber nicht kitschig.

Deutsch + Punk = Jugendroman? / / 01.08.2002
In BJL 7/02 berichtete Jochen Till von "Hammerharten Sachen". Jetzt gilt’s: Anarchy in Germany oder lascher Tote-Hosen-Aufguss für die Generation Zahnspange? Voll fett oder Weichei - Tills Ohrensausen im Härtetest.

Zugegeben, der Johnny Rotten des deutschen Jugendromans ist Jochen Till nicht, aber die Zeiten haben sich auch geändert: Mittlerweile gibt es verständnisvolle Väter (mit einem antiken Musikgeschmack) und verständnisvolle Jugendzentrumsfritzen, die ewig Anfang 30 bleiben. Ärger machen vor allem Glatzen und Schuldirektoren.
Ohrensausen beschreibt stilsicher den Alltag heutiger Nachwuchspunks zwischen drohendem Versagen in der Matheklausur, flügge werdenden kleinen Schwestern, dem Bangen vor dem ersten Auftritt und erster echter Liebe. Zwar wird von Sex nur geredet, statt Drugs wird zu viel gebechert, und der Rock n’ Roll liegt irgendwo zwischen Ärzten und Goldenen Zitronen. Das Grundgefühl aber stimmt: unverstandene, rebellische Jugend auf dem Absprung.
Till schafft differenzierte Charaktere. Der taffe Sänger redet von Freundschaft, ist aber ein widerlicher Macho. Der unterkühlte Ich-Erzähler ballt die Faust meist nur in der Tasche. Der Bassist findet Punk eigentlich langweilig und strebt nach höheren musikalischen Weihen. Die weibliche Hauptfigur ist zwar eine Matheleuchte, aber von ihrem Freund lässt sie sich tyrannisieren ... Bis beim ersten Auftritt fast alles durcheinander gerät. Nur der Direktor ist lediglich eine Lachnummer aus dem gymnasialen Horrorkabinett: herumballernder Psychopath mit Psychiatrieaufenthalt, mies und tollpatschig. Till hätte seinen Jungs und Mädels einen ebenbürtigeren Gegner erfinden können. Trotzdem ist Ohrensausen eine authentische Beschreibung der Oberstufenjugend. Dazu filmisch erzählt in schnellen, oft witzigen Dialogen und mit einem kontinuierlichen Spannungsaufbau bis zum überraschenden Ende.
Peter Bräunlein

© Bulletin Jugend & Literatur

Ganz normale Teenagerprobleme / / 22.12.2002
Eine Band, Probleme mit dem Schuldirektor, erste Liebe, Alkohol, Gewalt, Skinheads ... das sind die Themen, aus denen man einen Jugendroman stricken kann. Wenn dann noch die Sprache stimmt - also nicht plump und anbiedernd, aber auch nicht verschachtelt und kompliziert - , dann könnten sogar Lesemuffel im Pubertätsalter zum Buch verführt werden.
In diesem Buch wird der Alltag von Jugendlichen geschildert, den viele in diesem Alter erleben könnten. Danny ist Schlagzeuger in einer Punkband gemeinsam mit seinem besten Freund Vinnie. Der taucht bei den Proben ausgerechnet mit Dannys Schwarm, Clarissa, auf. Aber die Freundin vom besten Freund ist tabu. Gut, dass Danny schlecht in Mathe ist, gut, dass Clarissa ein Mathe-Ass ist. Und dann wechselt Vinnie plötzlich ins Skinhead-Lager, und manches klärt sich von selber. Nur, wo hört bitte Freundschaft auf?

Jugendbuchautor Jochen Till: Durchgestartet! - Ein Interview / / 01.05.2003
Der Frankfurter Jochen Till ist mit seinem Buch "Ohrensausen" für den deutschen Jugendliteraturpreis 2003 nominiert. FRITZ Das Magazin sprach mit ihm über die Nominierung und seinen ersten Erwachsenenroman.

Stark verkürzt kann man sich die Karriere Jochen Tills wie folgt vorstellen: der 36jährige Bad Sodener schrieb und schrieb und schrieb. Sein erster Roman "Der Junge Sonnenschein" erschien 1997 beim Mariposa-Verlag. Nach einem Portrait in FRITZ Das Magazin wurde Rowohlt auf das junge Talent aufmerksam und legte den Titel nochmals auf. 2001 landete Till beim größten deutschen Jugendbuchverlag Ravensburger. Der dort 2002 veröffentlichte Roman "Ohrensausen" wurde jetzt für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Grund genug für FRITZ Das Magazin den Autor, der auch von seiner Arbeit im Comic-Shop bekannt ist, nochmals zu treffen.

FRITZ Das Magazin: Vor sechs Jahren erschien in FRITZ Das Magazin ein Artikel über dich. Was hat sich seitdem verändert?

Jochen Till: Seitdem geht es ständig stetig bergauf. Ein Buch folgte dem anderen, so dass ich jetzt schon fast vom Schreiben leben kann.

FRITZ: Du hast bei renommierten Verlagen wie Rowohlt und Ravensburger veröffentlicht. Wie kam es dazu?

Till: Der zuständige Rowohlt-Lektor war 1997 gerade in der Umgebung im Urlaub und hat den FRITZ-Artikel gelesen. Dadurch wurde er auf mein Buch aufmerksam. Er hat mich dann angerufen und so wurde "Der Junge Sonnenschein" nochmal als Taschenbuch verlegt.

FRITZ: War Autor schon immer dein Traumberuf?
Till: Autor war nie mein Berufsziel. Mein erstes Buch habe ich auch nicht mit dem Hintergedanken geschrieben, es an einen Verlag zu schicken. Es war für meine damalige Freundin. Die las gerne und wollte, dass mal jemand ein Buch für sie schreibt.

FRITZ: Was hast du gemacht bevor du mit der professionellen Schriftstellerei begonnen hast?

Till: Vor Jahren habe ich angefangen Anglistik, Amerikanistik und Germanistik zu studieren. Das werde ich aber jetzt endlich an den Nagel hängen. Meinen Traumberuf habe ich auch ohne abgeschlossenes Studium gefunden!

FRITZ: Du bist mit "Ohrensausen" für den Deutschen Jugendliteraturpreis nominiert. Warum kommt das Buch so gut bei Jugendlichen an?

Till: Die Story von Danny und seinen Bandkollegen ist mitten aus dem Leben gegriffen. Die Probleme der Jungs rund um Freundschaft, Musik und Schule haben einen direkten Bezug zu den Jugendlichen. Außerdem ist "Ohrensausen" witzig und locker geschrieben, aber trotzdem nicht flach.

FRITZ: Hat die Story autobiografische Züge?
Till: Die Grundidee von "Ohrensausen" war, über eine Schülerband zu schreiben und da ich früher selbst Schlagzeug in einer Punkband gespielt habe, war es natürlich klar, dass ich aus der Sicht des Schlagzeugers schreibe. Außerdem sind die abgedruckten Liedtexte autobiografisch. Das waren früher die Songs unserer Band.

FRITZ: Was bedeutet die Nominierung für dich?

Till: Natürlich ist es eine ziemliche Ehre. Es werden schließlich nur sechs Bücher ausgewählt und in einem Jahr erscheinen unzählig viele. Außerdem bringt mich die Nominierung wieder ein ganzes Stück voran. Mein Name und das Buch gewinnen an Popularität. Wobei "Ohransausen" sich sowieso ziemlich gut verkauft. Eine Woche vor der Nominierung habe ich erfahren, dass die erste Auflage bereits vergriffen ist.

FRITZ: Was passiert, wenn du gewinnst?

Till: Große Chancen rechne ich mir nicht aus. Die anderen nominierten Bücher behandeln ernste Themen und das ist wohl eher preiswürdig. Aber wenn ich gewinne, dann könnte ich mit dem Geld das nächste Jahr finanzieren und in Ruhe weiter schreiben.

FRITZ: Was werden wir in Zukunft von dir lesen?

Till: Als nächstes erscheinen zwei neue Jugendbücher. Und mein erstes Erwachsenenbuch habe ich gerade fertig geschrieben. Damit habe ich mir einen kleinen Traum erfüllt. Beim Jugendbuch ist man halt schon ein bisschen eingeschränkt. Jetzt habe ich mich mal richtig ausgetobt und eine ziemlich abgefahrene Kleingangster-Story mit schwarzem Humor geschrieben. Es wird 2004 bei Nautilus erscheinen.

© FRITZ Das Magazin / Frankfurt

Jury hält Jochen Till für preiswürdig / / 25.03.2003
SULZBACH. Der Sulzbacher Autor Jochen Till ist mit seinem Buch "Ohrensausen" für den Jugendliteraturpreis 2003 nominiert worden. Er wurde von einer aus Jugendlichen bestehenden Jury benannt, die in diesem Jahr zum ersten Mal ihre Wertung abgibt, teilt der Arbeitskreis für Jugendliteratur mit. Insgesamt schlägt die Jury sechs Autorinnen und Autoren vor, darunter Klaus Kordon mit "Krokodil im Nacken" und Zoran Drvenkar mit "Sag mir, was du siehst".
Der Preis wird seit 1972 vergeben, bislang bestand die Jury ausschließlich aus Erwachsenen. Die werden auch dieses Mal gehört, sie geben Wertungen in den Kategorien Bilder-, Kinder-, Jugend- und Sachbuch ab. Die Preisträger werden im Oktober auf der Frankfurter Buchmesse bekannt gegeben.
Der 36-jährige Jochen Till ist überrascht: "Ich hatte nicht mit einer Nominierung gerechnet." Er glaubt allerdings nicht, dass er große Chancen auf den Preis hat: Die Konkurrenz sei stark. In "Ohrensausen" beschreibt er die Geschichte einer Schülerband aus der Perspektive des Abiturienten und Schlagzeugers Danny. Es geht um Musik, um Freundschaft und speziell um eine Jugendliebe.
Einen Grund dafür, dass die Jugendjury sein Buch nominiert hat, sieht er in der Erzählweise: "Ich glaube, dass es viel damit zu tun hat, dass man über das Buch lachen kann. Es scheint für Jugendliche nicht viele witzige Bücher zu geben."
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Jurybegründung Nominierung Deutscher Jugendliteraturpreis 2003 (Jugendjury) / /
Danny, ein 15-jähriger Junge, ist Schlagzeuger in einer Punkband. Doch kaum scheint der erste Auftritt zu nahen, gibt es für Danny und seine Freunde viel Ärger. Sie verlieren ihren Proberaum. Und auch Vinnie, der Sänger der Band, macht jede Menge Probleme. Er kommt häufig zu spät zu den Proben, konsumiert Unmengen von Alkohol, umgibt sich mit rechtsradikalen Freunden und beleidigt seine Bandkollegen. Als Vinnie seine neue Freundin Clarissa zu einer Probe mitnimmt, verliebt sich Danny heimlich in sie. Da Danny dringend Nachhilfe in Mathe braucht, um in die nächste Klasse zu kommen, übernimmt Clarissa auf Vermittlung von Vinnie diesen "Job". Die beiden kommen sich näher und Clarissa trennt sich von Vinnie. Zum Showdown der Gefühle kommt es dann beim lange vorbereiteten Bandauftritt. Das Buch ist äußerst ideenreich und spannend, aber auch lustig. Besonders überzeugend ist die witzige und jugendnahe Sprache, die der Autor perfekt verwendet.
Ab 14.

© www.jugendliteratur.org

Keine Zeit zum Atem holen / / 15.11.2002
Solange Danny denken kann, will er Musik machen. "Das ist es, das ist genau das Gefühl, von dem ich immer geträumt habe." "Piggies" und "Blackbird", die beiden legendären Beatles-Songs, konnte er schon auswendig, ehe er vier war. Mit Gitarrist Christopher träumt der textende Schlagzeuger davon, zu den "Lennon/McCartney des Punk zu werden".
Aber dann droht der erste Auftritt der Band zu platzen. Nur weil der Direx, den nach Nervenzusammenbruch und längerem Psychiatrieaufenthalt kaum noch einer Ernst nimmt, eine Theater-AG ins Leben gerufen hat - und deren Requisiten sollen ausgerechnet in dem Raum gelagert werden, den Danny und seine Freunde bislang zum Proben nutzen durften.
Zwei große "M" bestimmen das Leben des 16-jährigen Danny: Musik und Mädchen, genauer gesagt: deutscher Punkrock und Clarissa. Letztere steht eines Nachmittags im Keller von Familie Kleinschmidt, in der die Band nach einigem hin und her "Asyl" gefunden hat. Danny ist erst mal fertig. "Seit Jahren warte ich auf eine Gelegenheit, sie kennen zu lernen, und jetzt steht sie mitten in meinem Keller." Damit fangen die Probleme an, denn Clarissa ist Vinnies Neue, und die Freundin seines besten Freunds ist für Danny eigentlich tabu. Aber ist Vinnie überhaupt noch Dannys bester Freund? So "saucool", wie der seit neuestem immer tut, "groß und stark und mit diesem Lächeln, auf das Frauen total abfahren". Und dann die widerlichen Glatzköpfe, mit denen Vinnie immer öfter seine Freizeit verbringt!
Jochen Tills Erzählstil ist gewöhnungsbedürftig. Seitenlange Dialoge, gefolgt von noch längeren Monologen, in denen Ich-Erzähler Danny die Leser en detail an seinen Gedanken und Befindlichkeiten teilhaben lässt. Nach rund zweieinhalb Seiten langem "Wie-läuft-das-denn-eigentlich-so-ab-bei-einer-Band-Probe"-Wortwechsel gewährt er seinen Lesern eineinhalb Zeilen zum Luftholen. Und schon geht's mit einem "Vinnie-kann-so-ein-Idiot-sein"-Selbstgespräch weiter. Diesen Rhythmus behält der Autor - "Nix wie weg", "König für einen Sommer" - eine Weile bei. Dahinter steht zweifelsohne der Wunsch, so authentisch wie möglich 'rüber zu kommen, jugendlichen Alltag realistisch einzufangen, unkommentiert darzustellen.
Mit Erzählen hat das allerdings nur bedingt zu tun. Wenn sich eine Geschichte wie die Abschrift einer Tonbandaufnahme liest, kann das schnell langweilig werden. Und doch: Wem Musik wichtig ist, dem dürfte das in "Ohrensausen" beschriebene Lebensgefühl nicht fremd sein und die Identifikation mit Danny und seinen Freunden nicht schwer fallen. Till, der laut Internetseite (www.jochentill.de) selbst zwei Mal in der Woche in einem kleinen Bistro Platten auflegt, erweist sich als kompetenter Erzähler und exzellenter Rechercheur. Die Beschreibungen des Milieus sind überzeugend, die Charaktere differenziert.
Nicht zu vergessen die schüchterne Liebesgeschichte zwischen Danny und Clarissa. Und: Ein starkes Finale mit einem ebenso witzigen wie überraschenden Ende. Bis dahin ist Till dann auch ins Erzählen gekommen und aus "Ohrensausen" noch ein prickelndes Buch über Jugendliche auf der Schwelle zum Erwachsensein geworden, über das Ende einer Freundschaft, den Beginn einer ersten Liebe und über die Zukunft als Berufsmusiker.



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