In der politisch wie kulturell eingemauerten Schweiz gibt es um 1935/36 wenig zu lachen, erst recht nicht für Glauser, den man hinter psychiatrischen Anstaltsmauern unter Verschluss halt. Und doch entsteht «Die Fieberkurve», als «humoristischer Kriminalroman» geplant, als «Verzweiflungstat» geschrieben, ein Werk von fröstelnder Heiterkeit. Glauser schickt seinen Wachtmeister Studer in die Wüste. Dort soll, er kräftig an der Haschischpfeife saugen, pessimistische Betrachtungen über die Relativität der Zeit anstellen und nebenbei auch seinen «Grossen Fall» lösen. Nun ist Studer nur ein schlichter Fahnderwachtmeister der Berner Kantonspolizei, der normalerweise in Dörfern ermittelt. Wie kommt er dazu, plötzlich in marokkanischen Garnisonsposten der Fremdenlegion zu fahnden? Glauser musste lange und phantasievoll motivieren, bis die Konstruktion aufging und dem Publikum – spätestens auf den zweiten Blick – einleuchtet. Völlig atypisch für damalige Verhältnisse, sind die Grenzen in diesem Roman aus Prinzip zum Üherschreiten da; Grenzen des Krimi-Genre so gut wie Landes- und Mentalitätsgrenzen oder Grenzen des Vernünftigen und Irrationalen. Die «Fieberkurve» hält sich mit Vorliebe in einer Zone der fliessenden Übergänge auf. In diesem anarchistisch-relativierenden Roman gibt immer noch eine andere Seite! Nichts steht zum vornherein fest, nicht einmal, dass am Schhluss ein Täter überführt wird. Die Figuren haben selten festen Boden unter den Füssen. Wachtmeister Studer erlebt ein Wechselbad der Fremdheitsgefühle. Chronisch unterwegs, taucht er in exotische und in esoterische Welten ein, stets der Gefahr ausgesetzt, sich darin zu verlieren. Als ein ominöser Pater die Geschichte des Hellseherkorporals erzählt, sagt Studer noch: «Schwindel». Wie die Erzählung daraufhin die Fremdenlegion, die weiten Flächen Marokkos berührt, wird dem Wachtmeister selber ein bisschen schwindlig, denn eigene verdrängte Ausbruchswünsche kommen hoch «Traumluft» wollte Glauser aufwirbeln. Studer träumt, wo er kann, auch am hellichten Tag und vergisst mitunter, dass er einen Fall auflösen muss. Manchmal scheint es fast, der Fall löse sich auch ohne ihn. Als wäre er entbehrlich. Er ist noch verletzlicher, noch depressiver, noch menschlicher als in anderen Studer-Romanen, dann ist er seinem Autor besonders nahe. Zu den ergreifendsten Momenten im Buch gehört die Szene in Paris, wo sein Freund, der angesehene Kommissär Madelin, ihn aus unerklärlichen Gründen sitzen lässt Ausgerechnet Paris, die Stadt, in die er sich flüchtet, wenn es ihm zu Hause verleidet ist! Das Gefühl der Einsamkeit überfällt ihn mit doppelter Macht. Auch Alkohol bringt keine Linderung. In seinem Gemüt herrschen mit einem Mal «Unordnung und Chaos, dort hockte eine kalte Verzweiflung. Der einsame Wachtmeister hatte den Eindruck, dass mit ihm gespielt wurde- und es war ein grausames Spiel, grausam deshalb, weil er die Regeln nicht kannte.»


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