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David Chotjewitz

Wie ich Deutscher wurde Wir lebten in Italien, in Rom. Zuerst in der Villa Massimo mit ihrem verwunschenen Garten, später im Proletarier-Viertel Trastevere. Dort ging ich auf die Schuola Elementare. Wenn die italienischen Kinder herausfanden, dass ich Deutscher war, riefen sie "Heil Hitler" und hoben die ausgestreckte Hand, oder sie begannen im Stechschritt zu marschieren. Etwas besonders Negatives war damit aber nicht verbunden, jedenfalls habe ich nichts zu spüren bekommen. So wie man mit USA Kaugummi und Coca-Cola verknüpft, so eben mit Deutschland Hitler, Hakenkreuz und Weltkrieg. Ich wurde deshalb nicht verprügelt oder weiter gehänselt. Es gab auch keinen Grund für Schuldgefühle. Ich bin nicht mit einem deutschen Minderwertigkeits-Komplex aufgewachsen. Für mich und meinen Bruder war Deutschland das gelobte Land, und wir wollten unbedingt zurück dorthin. Uns war auch nicht bekannt, dass Hitler, die Nazis oder die Deutschen überhaupt etwas besonders Schlimmes getan hätten. Wir wuchsen zwar in einem politisierten Haus auf, und ich konnte schon als achtjähriger die Namen aller großen Kommunisten von Marx bis Ho-Tschih-Mihn auswendig und dazu Lieder wie "Avanti Popolo, alla riscossa, bandiera rossa, bandiera rossa", aber von der deutschen Geschichte hatte ich keine Ahnung. Auch von den Juden hatte ich noch nichts gehört, oder jedenfalls nicht bewusst und so, dass mir jemand etwas erklärt hätte. Wie gesagt hatte ich dieses Wort - Juden - noch nicht bewusst gehört, nichts besonderes damit verbun Irgendwo aufgeschnappt muss ich das Wort doch haben, sonst hätte ich nicht später mit einem mal das Gefühl gehabt, dass es mir wie Schuppen von den Augen fiel. Als ich zehn war, kam ich nach Deutschland zu einer Gastfamilie und ging dort zur Schule. Eines Tages beobachtete ich kurz nach Schulschluss folgendes: Ein einzelner Junge, ungefähr in meinem Alter, stand nahe am Ausgang gegen die Mauer des Schulgebäudes gedrückt, er war umringt von mindestens einem Dutzend anderer Schüler. Sie alle hielten Abstand von ihm, schrieen aber und beschimpften ihn laut. Sie schrieen: "Der hat die Tollwut, der hat die Tollwut." Ich ging schnell weiter. Zu Hause berichtete ich dann, auf unserer Schule habe einer Tollwut. Auf Nachfragen schilderte ich die beobachtete Szene. Da sagte meine Gastmutter: "Das ist ja schlimm, wie dieser Junge behandelt wurde - das ist ja wie damals, bei den Juden." Wie gesagt hatte ich dieses Wort - Juden - noch nicht bewusst gehört, nichts besonderes damit verbunden. Plötzlich aber, nur aus dem Klang, aus der Art, wie die Frau es ausgesprochen hatte, aus der Verbindung mit dem Bild des eingekreisten, beschimpften Jungen stellte ich blitzartig Zusammenhänge her. Dieses Wort war einzigartig. Es schien aus einer anderen, mystischen Zeit zu stammen. Das "J" von Jude klang, vermutlich durch die Erregung der Frau, fast wie ein "Ch", als sagte sie "Chude". Es klang scharf, wie eine Strafe. Mir wurde sofort klar, dass mir eine grundlegende Information fehlte. Ich war plötzlich wütend auf meine Eltern, die mir alles mögliche erzählt hatten, mir hier aber offenbar etwas Wesentliches verschwiegen hatten. Obwohl es mir sehr unangenehm war, fragte ich nach, was denn damals mit den Juden geschehen sei. Die Erklärungen beschränkten sich darauf, dass man sie vertrieben und umgebracht habe. Wenig später zog unsere Familie zurück nach Deutschland. Wie gesagt, war das der große Traum gewesen für mich und meinen Bruder. Wir zogen in ein kleines Dorf, das uns mit seinen Feldern und Wäldern wie ein großer Abenteuer-Spielplatz vorkam. Am Ende des Sommers fuhr uns meine Mutter zur Volksschule. Ich erinnere mich noch an die erste Stunde. Die Lehrerin begrüßte die Kinder freundlich. Dann wurde ihr Gesicht ernst. Sie schaute sich um und fragte: "Wie viele Ausländer haben wir denn in der Klasse?" Ich meldete mich nicht, nur zwei Finger gingen hoch. Die Lehrerin zählte, sagte laut "nur zwei", nickte befriedigt und sagte: "Das ist gut." Ich betrachtete mich natürlich als Deutscher. Doch dann erlebte ich etwas, womit ich niemals gerechnet hatte. Ich wurde von den anderen Kindern als Italiener bezeichnet. In Italien der "Deutsche" zu sein, war nicht so schlimm gewesen. Wir waren ja wirklich Deutsche. Doch nun war ich für die Deutschen der Italiener. Das war ich doch gar nicht. Ich kann nicht behaupten, dass ich ausgegrenzt oder beschimpft wurde. Aber ich hatte doch das deutliche Gefühl, dass ich mich auf unsicherem Boden bewegte. Zum Glück gab es andere, die den Ärger meiner Mitschüler auf sich zogen. In unserer Klasse gab es einen Türken, der als Kümmeltürke beschimpft wurde, und er naschte tatsächlich, wie um dieses Schimpfwort zu rechtfertigen, in jeder freien Minute Kümmelsamen aus einem kleinen Plastiktütchen. Das schlimmste aber waren die "Zichiner". In der nahen Kleinstadt gab es nämlich zu Fuße des Hügels, auf dem sich unsere Schule befand, im Sommer ein Zigeunerlager, das aus großen Mercedes-Limousinen und Wohnwagen bestand. Und immer, wenn der Schulbus an diesem Lager vorbeifuhr, drückten sich die Dorfkinder an die Fensterscheibe und brüllten: "Die Zichiner, die Zichiner!" Um die Zichiner gab es viele Geschichten, sie klauten in der Diele, während die Bäuerinnen in die Stube gingen, um ihnen ein Almosen zu holen, sie hatten große Autos, arbeiteten nicht und gehörten allesamt umgebracht, genauer: vergast. Mit diesem Wort verband ich nichts. Was ich sah, und was mir vollkommen lächerlich vorkam, waren die Gesichter meiner Mitschüler, die vor Hass regelrecht verzerrt waren, während sie aus dem Bus auf das Zigeuner-Lager starrten. Ich begriff nicht, woher dieser ganz persönliche, brennende Hass kam, mir erschienen die Geschichten über die Zichiner übertrieben und nachgeplappert. Dennoch sagte ich nie etwas zu ihrer Verteidigung. Denn ich war froh, dass sich dieser Hass an den Zichinern entlud und nicht an mir. Ich war auf dem besten Wege, anerkannt und allgemein akzeptiert zu werden. Ich spielte gut Fußball, das wog viel auf. Es dauerte ungefähr zwei Jahre, bis ich es geschafft hatte, einer von ihnen zu sein: Ein Deutscher. Leider kam ich wenig später in das Alter, in dem deutsch-sein überhaupt nicht mehr angesagt war, und ich wäre gern wieder etwas anderes gewesen. David Chotjewitz Hamburg, März 2002 © http://www.buecherhallen.de/



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